RAAM BERICHT

Liebe Freunde, liebe Fans und liebe Sponsoren

 

Vor über drei Monaten war der Start vom längsten und härtesten Ausdauerwettbewerb überhaupt. Papa und ich konnten das Race across America im Team gewinnen. Für mich bleibt es eine Erinnerung fürs ganze Leben…

 

Ein Rennen, das RAAM – in einem kurzen Bericht fest zu halten, ist nicht ganz einfach… Es gäbe euch nämlich noch so viel mehr zu erzählen. Aber alles mal ein bisschen der Reihe nach… 

 

Am 14. Juni erfolgte der Start mit unserem 9-köpfigen Team in Oceanside, im Bundessaat Californien. Ich konnte es kaum glauben dort am Pier neben Papa am Start zu stehen. In unseren Rücken unsere neun Betreuer. Ich konnte nur ein bisschen ahnen was auf uns zu kommen wird und ich war sehr nervös. Ein Rennen über mehrere Tage dann plötzlich zu starten ist gar nicht so einfach.

 

Unter grossem Applaus verliessen wir das Startgelänge und – ich hatte Gänsehaut. Ich war sehr froh, dass Papa und ich zu Beginn gemeinsam unterwegs waren und ich ihn hin und wieder etwas fragen durfte. Papa und ich wechselten uns bei der Führungsarbeit ab und bei der Kreuzung trafen sich unsere Blicke. Wir hätten uns bestimmt viel zu sagen und zu wünschen gehabt aber es war still und wir konzentrierten uns auf das Rennen…

 

Die ersten 40 Kilometer fuhren Papa und ich gemeinsam, dann stiess unser Begleitfahrzeug zu uns ….Wie geplant wechselten Papa und ich uns ab diesem Zeitpunkt alle 30- 40 Minuten ab. Schnell wurde uns klar, dass dies nicht nur für uns sondern auch fürs Team stressig wird. Doch wir konnten ja unsere Taktik nicht schon in den ersten Rennstunden auf den Kopf stellen. Schliesslich haben wir in vielen Trainingstunden zu Hause diese „kurzen“ Einsätze trainiert und wir wussten doch unser Team war top – die packen das - auch so. Schon kurz nach dem Start machte sich die Hitze bemerkbar. Waren es am Start 27 Grad, stieg das Thermometer auf den folgenden 180 Kilometern bereits auf über 40 Grad an. Erstaunlicherweise ertrug ich die Hitze relativ gut.

 

Wir waren also unterwegs Richtung Annapolis, vor uns lagen 4‘900 Kilometer… Wir waren optimal im Zeitplan, das Team harmonierte, Papa und ich versuchten einen optimalen Tritt zu finden und uns kurze Zeit später im Begleitfahrzeug so gut es in einem fahrenden Auto geht, zu erholen. Knie kühlen, verpflegen, etwas erholen. Manchmal erlaubte es die Zeit, noch kurz die Augen zu schliessen. Für Papa war dies alles etwas schwieriger. Sein Handycap nimmt er eben überall mit…. Mama die praktisch während den gesamten 8 Tagen in diesem Fahrzeug verbrachte, versuchte uns in den Pausen so gut es ging auf Vordermann zu bringen. Den Teamwechsel welchen wir alle 6 Stunden einplanten, konnten wir meistens nicht umsetzten. Wie so oft in Extremradrennen kommt es anders – und zweitens als man denkt. Doch unsere Crew störte dies wenig. Sie gaben während den beiden Schichten, sei es im Begleitfahrzeug als auch im zweiten Wagen alles, und versuchten sich in der darauffolgenden Schicht im Wohnmobil bei Elfriede und Andreas zu erholen.

 

Die Gegend rund um die Mojave – Wüste war einfach grandios. Ich werde das Gefühl nie mehr los, als ich die Abfahrt runter düste - hinten im Begleitfahrzeug Papa, der mir in der Vergangenheit immer von diesem Gefühl erzählt hat. Wie es sich anfühlt, wenn man da runter fährt. Von einem heissen Föhn vorm Kopf war immer die Rede und je tiefer wir fuhren desto heisser wurde es, bis wir im Kessel waren – der Mojave Wüste. Der Seitenwind war in dieser Abfahrt unglaublich stark und richtig gefährlich. Ich war voll konzentriert, das Tempo war hoch und mein Adrenalin ebenso.  Es gab sie, Momente wo man die Gegend „geniessen“ konnte doch nur kurze Zeit später war man mit den Gedanken wieder im Renngeschehen und nahm von der imposanten Gegend wenig wahr.

 

Alles lief nach Plan. Ehrlich gesagt war ich manchmal schon etwas überrascht wie schnell wir voran kamen und wie „gut“ es Papa und mir eigentlich „noch“ lief. Schliesslich waren wir schon viele Stunden unterwegs. Papa und ich starteten im Zweierteam doch so selten wie mit Papa konnte ich mich mit keinem anderen Crewmitglied unterhalten. Wir wollten hierfür keine Zeit verlieren obwohl wir uns bestimmt soviel zu sagen gehabt hätten. Stattdessen beschränkte sich unsere Unterhaltung während diesen Tagen nur auf immer derselben Sätze. „Corinne bei der nächst möglichen Aushaltestelle wechseln wir oder „Papa ich fahre noch 10 Minuten dann möchte ich wechseln“. Und Papa sagte mir sehr oft auch, dass ich Sorge tragen soll, dass der Weg noch weit sei – er musste es ja wissen. Unsere Gespräche waren also aufs Minimum beschränkt und das war angesichts der Strapazen das einzig Vernünftige.

 

Wir waren unterwegs, am Nachmittag des zweiten Tages und die 1'000 Kilometergrenze lag weit hinter uns. Noch immer war es heiss, obwohl es schon später Nachmittag war. Das Thermometer lag bei 40 Grad. Der Lautsprecher von unserem Begleitfahrzeug wurde weggeschleudert. Der „Druck“ eines entgegenkommenden Tracks war diesem zu gross. Doch unser Team hat schnell reagiert und den Ersatzlautsprecher montiert. Am fahrenden Fahrzeug behob Andreas diesen Defekt. Das zweite Fahrzeug rastete zusammen mit dem Wohnmobil an einer Tankstelle. Die Crewmitglieder hatten kurz Zeit sich zusammen zu unterhalten und Papa sass auf der Rennmaschine - mit dem Ziel Annapolis vor Augen. Meine Mama war neben mir im Begleitfahrzeug und dieser Moment der bleibt. Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade sehr müde, hatte Angstgefühle und sagte meiner Mama, „mein Gott wir werden hier durch die Hölle gehen“. Sie schluckte kurz und meinte dann leise, Corinne wir packen das zusammen….

 

In der zweiten Nacht bereits bat ich Stefan meinen Sattel zu wechseln und den Triathlonlenker zu erhöhen. Ich war froh als ich mich nach der Pause wieder auf das Rennrad sass und merkte dass es sich „einfacher“ fuhr. In dieser Nacht machten wir noch Bekanntschaft mit der amerikanischen Polizei. Der Zusatzscheinwerfer von unserem Begleitfahrzeug war ihnen wohl etwas zu grell. Nach einer längeren Unterbrechung konnten wir unsere „Reise“ fortfahren.

 

Das Monument Valley durchquerten wir bereits am dritten Morgen. Es war sehr eindrücklich – Es war nicht besonders kalt – trotzdem hatte ich Gänsehaut. Dies lag wohl kaum an der Temperatur. Es war mein Part – als sich die Nacht langsam verabschiedete und der neue Tag anbrach. Sternenhimmel, Sonnenaufgang am Horizont, dunkle Felsbrocken – einfach gigantisch. Hinten im Begleitfahrzeug sassen Piero und Michel. Bestimmt war es auch für die beiden ein ganz spezieller Augenblick. Für kurze Zeit vergas ich sogar die Strapazen des härtesten Radrennens der Welt… und doch war ich dann froh als ich in der Ferne meinen Papa sah, der in der Zwischenzeit am Strassenrand stand, für seinen nächsten Einsatz.

 

Wir waren in der zweiten Wüste angekommen und der Wind war unser Freund. Ich fühlte mich super, der Tritt passte und ich war richtig schnell unterwegs. Es war heiss, die Sonne brannte auf meine Haut. Meine Betreuer teilten mir mit, dass das Wohnmobil in der Nähe ist und ich duschen kann. Ich freute mich sehr über ein paar kühle Spritzer und Andreas meinte, es hat genug Wasser – du kannst es richtig geniessen J. Ich übergab Papa und wünschte ihm Glück. Duschen – es war herrlich, obwohl das Wasser zusammen mit dem Duschgel auf meinem Gesäss brannte. Anschliessend war Piero, unser Masseur, an der Reihe. Er massierte mich und ich fühlte mich nach diesem Wellnessprogramm wie ein neuer Mensch. Ein schmackhaftes Sandwich von Elfriede, etwas Parfüm J unsere Betreuer lächelten und es ging auf die Aufholjagd von Papa… Schliesslich war er schon eine Weile unterwegs und die Übergabe sollte nächstens erfolgen…

 

Am vierten Tag erreichten wir das Dach vom RAAM, den Wolf Creek Pass. Ich hatte ehrlich gesagt ein mulmiges Gefühl, auch etwas Angst rollte mit. Fuhr ich doch noch nie zuvor auf einer Höhe von 3‘600 Meter und das doch schon etwas angeschlagen.  Eine wirklich grosse Krise hatte weder Papa noch ich bis zu diesem Zeitpunkt. Doch für Papa wurde der Schlaf zu seinem grössten Gegner. Wir waren schon vier Tage unterwegs und mein Teampartner konnte noch nicht eine Stunde am Stück schlafen. 

 

Auf dem Weg zum Gipfel des Rennens versuchte Dominic das eine oder andere Interview zu machen. Es herrschte ein unglaublicher Sturm, der es verunmöglichte ein paar Tonaufnahmen für die Medien bereit zu stellen. War es hier der Wind, war es später die Internetverbindung die Dominic einen Strich durch die Rechnung machte. Es war eine richtige Herausforderung ein paar Bilder oder auch mal ein Interview nach Hause zu senden. Die Verbindung in unsere Heimat war sehr schwierig. – zum Leidwesen von unserem Medienmann .

 

Es war Nacht – die fünfte Nacht – ich war schon ein Weile auf dem Sattel und die Müdigkeit machte sich doch bemerkbar. Ich versuchte mich zusammen zu nehmen – durchzuhalten – denn ich wusste Papa kann endlich ein bisschen schlafen. Es war ja von Anfang an abgemacht – in der Nacht muss jeder einen längeren Abschnitt übernehmen. Obwohl es dunkel war, kam mir die Gegend sehr bekannt vor… Ich schaute nach rechts und plötzlich erblickte ich „unser“ Hotel. Vor 6 Jahren haben wir hier übernachtet - als Papa am siebten Tag aufgeben musste. Es war ein seltsames Gefühl neben diesem Gebäude durchzufahren – ich machte mir meine Gedanken und war doch etwas erleichtert, dass wir schon hier waren. Im Belgleitfahrzeug hinter mir war in diesem Augenblick Marina und Tom. Bei der Durchfahrt zeigte ich Ihnen das Gebäude und später erzählte ich Ihnen die Geschichte. Marina las mir Nachrichten von zu Hause die mir sehr oft ein Lächeln oder auch eine (Freuden) Träne ins Gesicht zauberte. Tom und Marina versuchten mich zu unterhalten und wach zu halten und mir das Gefühl zu geben, dass ich da draussen nicht alleine war.

 

Es war am Ende des fünften Tages, kurz vor dem Rennfahrerwechsel. Es war noch dunkel. Wir befanden uns in Columbus im Bundesstaat Indiana, auf einer vierspurigen Schnellstrasse. Hinter mir knallte es gewaltig, dann ging alles blitz schnell. Ich flog durch die Luft und knallte auf den Boden. Ein grosser roter Track hat unser Begleitfahrzeug gerammt, welches wiederum mich abschoss. Der Lenker im Pacecar war zu diesem Zeitpunkt mein Freund Stefan, auf dem Beifahrersitz sass Dominic. Besonders für Stefan muss es ein unglaublich schlimmer Augenblick gewesen sein. Ich hörte Stefan schreien und konnte es nicht glauben. Was uns passierte, mit dem hat keiner gerechnet, nicht in den schlimmsten Träumen. Ich lag auf dem Boden, sollte aber konnte mich auch nicht bewegen. Die Betreuer standen voller Sorge um mich und versuchten mich zu trösten. Neben mir rasten Fahrzeuge und Tracks vorbei und ich hatte Angst um mich wie nie zuvor. Ich sah die Angst in den Augen der Betreuer. Meine Mama und mein Papa, Elfriede Andreas und Piero waren zu diesem Zeitpunkt nicht bei uns. Irgendwie war ich froh, blieben ihnen diese Bilder erspart und doch wünschte ich mir innig sie bei mir zu haben… Michel informierte den Rest des Teams per Telefon über das tragische Ereignis. Ich rechnete mit dem Schlimmsten, denn die Schmerzen am Rücken waren brutal. Ich sah, sie waren alle geschockt. Das RAAM war zu diesem Zeitpunkt so weit weg wie vielleicht im Jahr 2002. Ich war mir sicher es war gelaufen aber es wurde für mich zur grossen Nebensache. Denn ich wünschte mir nur eines… 3 Minuten später war Ambulanz und Polizei vor Ort. Ich wurde stabilisiert, mein Kopf wurde mit Klebband festgemacht und ich mit der Ambulanz in den nächstgelegenen Spital transportiert. Im Spital angekommen wurde mein Kopf kontrolliert, verschiedene Tests wurden vorgenommen. Minuten wurden für mich zu Stunden. Meine Wunden am linken Bein wurden geputzt – es brannte. Ich lag da auf dem Bett und konnte es nicht fassen. Tränen flossen über meine Wangen. Ich wollte es nicht glauben. Ich lag da, wusste nicht was mit mir los war, das RAAM war gelaufen aber das war in diesem Moment  unwichtig, denn ich wusste nicht  – vielleicht war nicht mal nur das RAAM gelaufen… Nach verschiedenen Untersuchungen rollte man mich in die Röntgenabteilung. Ich hatte Angst vor dem Resultat denn meinem Rücken traute ich nicht. Ein paar Bilder und Minuten später teilte man mir mit, dass mit meinem Rücken alles in Ordnung ist.

 

Ich kann es noch heute fast 3 Monate nach meinem Unfall nicht glauben dass man mich entlassen hat und mir versicherte, dass mit meinem Rücken alles in Ordnung sei. Insgeheim glaubte ich es kaum. Zu Hause 2 Wochen nach unserer Ankunft wurden 5 Wirbelabbrüche diagnostiziert. Aufgrund meiner Schmerzen war ich alles andere als überrascht… Das ich bereits 18 Stunden später wieder auf dem Zeitfahrvelo sass, grenzt fast an ein "Wunder".

 

Papa und ich haben uns am Start versprochen dass wir alles für den anderen Mögliche tun um das Ziel zu erreichen. Papa löste „sein Versprechen“ ein, obwohl ihm ganz bestimmt nicht nach Radfahren zu Mute war und setzte das Rennen um 15:30 fort. Er wusste den Rest der Strecke muss er alleine bewältigen… Zwischen meinem Unfall und unserer Weiterfahrt mussten wir zum nächstgelegenen Flughafen um ein neues Pacecar zu holen. Der Weg dorthin war für mich ein reines Gefühlskaos. Es gab Momente da war ich dankbar dass ich noch am Leben war und laufen konnte und ein paar Minuten später war ich etwas traurig dass das RAAM für mich ein so appruptes Ende genommen hat. Dann erreichten mich ganz liebe Nachrichten von zu Hause und ich wusste, viele Leute wünschten uns das Beste und waren obwohl sie mehrere Tausend Kilometer weg waren, ganz bei mir. Der Flughafen befand sich rund 1.5 Stunden von uns entfernt. Als wir wieder in Columbus eintrafen, bauten unsere Betreuer die Fahrzeuge um und installierten alles Notwendige. Hierfür liessen wir uns Zeit. Unterdessen hat es noch so heftig begonnen zu regnen. Ebenfalls wurde ein Pacecarschlüssel im Auto eingeschlossen. Ich hatte kurz das Gefühl, dass die ganz Welt gegen uns war. Doch dem war nicht so. Viele Amerikaner boten uns ihre Hilfe per Facebook an. Einer wollte uns sogar bis nach Annapolis begleiten…. Und es gab auch solche die schauten sogar vor dem Spitalparkplatz vorbei und wollten uns einfach irgendwie helfen. Ein toller Amerikaner hat uns sogar mit nach Hause genommen. Dort konnten wir duschen und ein paar Minuten ruhen. Duschen war mir hier aber nicht möglich – zu stark waren meine Schmerzen. Doch es war schön ein paar Minuten mit meinem Papa zu verbringen und uns ein wenig zu unterhalten. Nach vielen Stunden setzten wir unser Rennen fort….

 

Die Nacht brach ein und mit dieser der nächste Zwischenfall. Papa stürzte und verletze sich auf der linken Seite. Sein Kopf schlug auf den Asphalt was bei ihm ein Schwindelgefühl auslöste.

 

Es lag also auf der Hand. Aufgeben – nein das wollten wir doch nicht. Doch nicht hier und jetzt. Nicht so kurz vor dem Ziel. Ich wurde noch verarztet und zog wieder den Renndress an. Es brauchte für mich eine unglaubliche  Überwindung mich wieder aufs Rennrad zu sitzen. Neben den Schmerzen hatte ich grosse Angst, der Schock sass tief. Jedoch wollte ich es mir nicht anmerken lassen. Unser Team hatte doch bestimmt selber schon genügend Bammel ohne noch zu wissen wie es gedanklich um mich stand. Also never give up. Es ging also weiter – wenn auch zu Beginn sehr gemächlich. Die sechste Nacht brach ein und es lagen noch rund 1‘100 Kilometer vor uns. Ich wusste, wir hatten noch einen harten Weg vor uns. Das Pacecar wurde von Tom gelenkt, auf dem Beifahrersitz Marina und hinten sass Michel. Es war für sie bestimmt nicht einfach… Es war still, Autos kreuzten uns ganz selten und überholte uns doch einmal ein Fahrzeug informierte mich das Betreuerteam übers Megaphon. Sie waren bei mir – alle waren sie besorgt…

 

Ich war froh als es wieder Tag wurde – neuer Morgen neues Glück. Das konnten wir wirklich gebrauchen. Wir hatten uns alle langsam wieder ein bisschen gefangen und versuchten aus der momentanen Situation das Beste zum machen. Da mein leichtes Rennrad von Vigorelli komplett kaputt war musste ich nun mit dem Zeitfahrvelo meine Abschnitte fahren. Steigungen mit bis zum 15% mit einer Übersetzung 11/25 machten mir dann allerdings schon ziemlich zu schaffen. Papa und ich hatten schliesslich unseren Rhythmus wieder gefunden, auch wenn’s vielleicht nicht mehr ganz so „schnell“ wie bisher voran ging. Aber das war auch nicht weiter tragisch. Wir kamen mit jeder Stunde unserem Ziel etwas näher und insgeheim freute ich mich schon so sehr auf die Zieleinfahrt. Wir waren schon sieben Tage unterwegs und unser Ziel rückte immer näher. Je länger das Rennen dauerte, desto öfter verspürte ich ein beängstigendes Gefühl. Vor dem Wechsel vom Pacecar auf die Rennmaschine war ich mir manchmal nicht sicher, ob ich überhaupt noch weiter fahren "mag" und die Kraft bis zur nächsten Übergabe ausreicht. Nach ein paar Minuten war ich wieder etwas beruhigt, denn ich bemerkte etwas Kraft blieb noch übrig.

 

Unser Team funktionierte und harmonierte noch immer sooooo gut. Sie waren doch bestimmt auch alle todmüde aber liessen es uns Rennfahrer nicht anmerken. Auch noch nach 4‘500 Kilometer stiegen unsere Betreuer aus dem Fahrzeug um uns an zu feuern….

 

Die Gegend war wieder bedeutend schöner so „kurz“ vor dem Ziel. Die Strassen waren wieder viel weniger befahren. Tracks sah man nur mehr ganz selten und darüber war ich zu diesem Zeitpunkt mehr als froh. Von stark befahrenen Strassen und eintönigen Gegenden wechselten wir das Terrain. Die Gegend wurde sehr friedlich, Autos kreuzten wir nur selten – zum Glück. Wir fuhren neben wunderschönen Häusern vorbei und immer wieder sah man Vollblutamerikaner auf ihren tollen Rasenmähern krusen.

 

Wir waren auf den letzten Kilometern und eigentlich konnte ich es gar nicht glauben. So viel haben wir in den vergangen 8 Tagen erlebt. Ich war so glücklich und dieses Gefühl in Worte zu fassen – einfach unmöglich… Ich konnte es kaum glauben das Ziel Annapoils, Maryland lag nur noch wenige Kilometer vor uns. Die Emotionen waren riesig ich hätte vor Freude einfach los heulen können aber nein wir mussten ja noch die letzten Meilen abspulen. Papa wollte ich eigentlich viel erzählen, aber irgendwie brachte ich nicht mehr als ein paar Sätze raus. Ich wusste dass Papas wohl letzte Zieleinfahrt  auf dem Programm stand und dies stimmte mich einerseits sehr glücklich, anderseits auch etwas traurig. Wir schauten einander an und waren so stolz…. Ich dankte meinem Papa von Herzen dass wir das Ziel in Annapoils erreicht haben. Es war eins von den wenigen Sachen die wir einander auf den letzten Kilometern sagten… In unseren Nacken fuhren unsere Begleitfahrzeuge, an Bord unsere lieben unermüdlichen Betreuer und schöne Musik klang aus dem Lautsprecher. Gänsehaut pur…

 

8 Tage 5 Stunden und 6 Minuten benötigien wir um den nordamerikanischen Kontinent zu durchqueren…

 

Unsere neun Betreuer, die Inhaber vom fahrenden Hotel Elfriede und Andreas, die Pacecarfahrer Tom, Michel und Stefan, die Navigatoren Marina, Piero und Dominic und meine Mama unsere Verpflegerin, haben sich fast drei Wochen in unseren Dienst gestellt. Haben Grosses geleistet und sind mitverantwortlich dass das Vater-Tochter Team Annapolis erreicht hat. Gemeinsam waren wir stark. Jeder hat sein Bestes gegeben. Alle verfolgten wir ein Ziel. Papa und ich werden euch euren nimmermüden Einsatz nie vergessen. Das Team hat wunderbar harmoniert und das ist alles andere als selbstverständlich am längsten und härtesten Radrennen der Welt. Immer wieder hört und liest man unglaubliche Geschichten, einzelne Crewmitglieder verlassen unterwegs sogar das Team. Bei uns war’s ganz anders. Jeder hat dazu beigetragen dass die Stimmung im Team bis zum Schluss passte. Das RAAM schreibt seine eigene Geschichten. Dieser „Wahnsinn“ kann Freundschaften zerstören oder aber auch stärken. 11 Menschen, verschiedene Charaktere und Persönlichkeiten leben über zwei Wochen auf engstem Raum, leiden kämpfen, verlieren oder in unserem Fall siegen gemeinsam. 

 

Papa, ich und unser Team haben etwas ganz grosses im Extremradsport erreicht. Für Papa wird es wohl sein letztes Extremradrennen als Rennfahrer gewesen sein.  Wie meine Zukunft als Extremradfahrerin aussieht kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Wie heisst es doch immer am Höhepunkt sollte man aufhören – na dann wär‘s wohl an der Zeit… ;-)

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Beny Furrer, Extremradfahrer
Beny Furrer, Extremradfahrer

Race across America 2014